Betrieblichen Umweltschutz praktizieren
ANLASS
Das Unternehmen, in dem die
Seminare durchgeführt wurden, war nach der Öko-Audit-Verordnung
zertifiziert worden. An der Entwicklung und Implementierung des Umweltmanagementsystems
waren in erster Linie die Führungsebenen beteiligt.
ZIEL
Vermittlung von grundlegenden
Zusammenhängen und Instrumenten des betrieblichen Umweltschutzes.
Hierdurch soll bei möglichst vielen Mitarbeitern auf unterschiedlichen
Ebenen das im Unternehmen durchgeführte Öko-Audit besser verankert
werden.
INHALT
1. Globale Umweltprobleme, Grenzen des Wachstums, Wachstumsfunktionen.
2. Regionale Umweltprobleme und ihre Ursachen, neue Lösungsansätze.
3. Betriebliche Umweltwirkungen, Instrumente zur Bewertung von Umweltwirkungen, Anwendungsbereiche, Beispiele, Instrumente zur ökologischen Bewertung von Produkten.
4. Umsetzung der Öko-Audit-Verordnung im Unternehmen, Zielsetzungen und Organisation
5. Betrieblicher Umweltschutz in verschiedenen Bereichen des Unternehmens, Erfahrungsberichte, Untersuchung der beabsichtigten Umweltentlastungen.
6. Methoden für
die gezielte Umsetzung von Verbesserungsmöglichkeiten, Ideensammlung
für weitere Optimierungspotentiale.
METHODE
Folienvortrag, Kartenabfragen,
Arbeitsgruppen, Diskussionsrunden
DAUER
1 bis 2 Tage
Das untenstehende Manuskript bildet den theoretischen Rahmen für das Seminar „Betrieblichen Umweltschutz praktizieren", das bereits in mehreren Standorten eines großen Druckhauses durchgeführt wurde. Das Manuskript spiegelt allerdings nur einen Teil der vermittelten Inhalte wider, da das Seminar ganz wesentlich vom Dialog mit den Teilnehmern lebt so z.B. bei Kartenabfragen, Arbeitsgruppen oder Diskussionsrunden. So werden z.B. konkrete regionale Umweltwirkungen betrachtet, anhand vom mitgebrachten Produkten deren Lebenslinie dargestellt, die betriebsspezifische Situation untersucht und gemeinsam mit den Seminar-Teilnehmern konkrete Optimierungspotentiale identifiziert usw..
1.1. Die Grenzen des Wachstums
Vieles auf der Erde wächst, wird größer, wird mehr. Bäume, Pflanzen, Transportentfernungen, das Bruttosozielprodukt, die Bevölkerung, die Umweltbelastungen. Aber es gibt Dinge, die lassen sich nicht vermehren, wie z.B. die Menge an Land, die Menge an Bodenschätzen, die Menge an Trinkwasser. Auch die Aufnahmefähigkeit der Natur für Abfälle und Schadstoffe ist begrenzt, wie z.B. die der Luft für CO2, Schwefeldioxid usw. Alle wachsenden Größen werden daher irgendwann an eine natürliche Grenze stoßen, die durch die Leistungsfähigkeit der Quellen und Senken bestimmt wird.
Haben wir diese Grenze bereits erreicht, möglicherweise gar schon überschritten?
Seit 20 Jahren gibt es eine Forschungsrichtung, die sich mit diesem Thema beschäftigt. Aber erst seit kurzer Zeit sind ihre Veröffentlichungen Teil einer gesellschaftlichen Diskussion geworden. Neuere Bücher z.B. von D. und D. Meadows, U. v. Weizsächer, F. Schmidt-Bleek haben zunehmende Beachtung gefunden, denn sie beschreiben die Gefährlichkeit der Situation in der wir uns befinden, zeigen aber auch Auswege aus dem Dilemma auf. Die Veranstaltung zeigt den derzeitigen Stand der Diskussion auf, hinterfragt ihn kritisch, und zeigt Lösungsmöglichkeiten auf, wie jeder und jede mithelfen kann, die Erde nachhaltig zu nutzen.
1.2. Lineares und exponentielles Wachstum
Insbesondere zeigt sich im Rahmen dieser Diskussionen, daß der Begriff Wachstum eine ganz zentrale Rolle spielt. Es muß unterschieden werden zwischen linearem und exponentiellem Wachstum. Die meisten Dinge aus unserem täglichem Leben wachsen linear: Bäume, Gebäude, Straßen, zurückgelegte Wegstrecken. Pro Zeiteinheit kommt die gleiche Menge hinzu. Unser Denken ist auf lineares Wachstum ausgerichtet.
Viele weltweit, d.h. global stattfindenden Abläufe wachsen hingegen exponentiell. Beispiele sind der Verbrauch an Rohstoffen, der Verbrauch an Erdöl und Erdgas, die Zunahme an klimarelevanten Gasen in der Atmosphäre. Die Erdbevölkerung wächst sogar noch schneller als exponentiell, nämlich superexponentiell (siehe Anhang). Exponentielles Wachstum ist dadurch gekennzeichnet, daß die hinzukommende Menge pro Zeiteinheit wächst. Zur Berechnung der Zeit, in der sich die Größe verdoppelt, kann näherungsweise die untenstehende Formel benutzt werden:
Verdoppelungszeit = 70 / Wachstumsrate [%].
Deutschland trägt seinen Teil zum globalen Wachstumsproblem durch steigende und im Vergleich zum globalen Durchschnitt hohe Ressourcenverbräuche und Emissionen (s. Anhang) bei. Wenn alle Menschen auf der Erde soviel verbrauchen würden wie wir, bräuchten wir sieben "Erden".
Unser Handeln wirkt sich nicht nur auf globaler Ebene aus, es gibt auch regional sichtbare Umweltwirkungen, wie z.B.:
- Flächenversiegelung
- Sommersmog
- Erkrankungen der Atemwege
- Aussterbende Tier- und Pflanzenarten
Das Bild unserer Umwelt hat sich in den letzten Jahrzehnten gewandelt. Neben einer fortschreitenden Belastung vieler Systeme der Natur haben sich auch die Maßnahmen, die einer zunehmenden Umweltzerstörung entgegengesetzt werden, verändert.
Wurde in den sechziger Jahren auf steigende Emissionen mit verstärkten Verdünnungsmethoden geantwortet („Politik der hohen Schornsteine"), so wurde in den siebziger und achtziger Jahren auf technisch nachsorgenden Umweltschutz, wie z.B. Abwasserreinigungsanlagen und Abluftfilter gesetzt. Dadurch hat sich das Bild dessen, was wir unter Umweltverschmutzung verstehen oder verstanden haben, ebenfalls geändert.
Seit einigen Jahren hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, daß sog. End-of-the-pipe-Lösungen zwar durchaus positive Effekte insbesondere auf die regionale Schadstoffbelastung (z.B. Rückgang des Dioxingehalts von Muttermilch) haben. Der globalen Bedrohung durch den wachsenden Verbrauch an Ressourcen und die hiermit verbundenen steigenden Emissionen wird durch nachsorgenden Umweltschutz jedoch kein Einhalt geboten.
Hierzu müssen die Stoffdurchsätze reduziert werden, indem
- die "Öko-Effizienz" von Produkten erhöht wird (Bsp.: Rückmischen von Altfarben, Trockenfilm) bzw. ihre Materialintensität reduziert wird
- der Verbrauch reduziert wird (Bsp.: Umstieg auf höhersiedende Waschmittel)
- zunehmend regenerative Rohstoffe und Energien eingesetzt werden (Bsp.: Farben und Waschmittel aus Pflanzenöl)
Noch vor Jahren war es üblich, Betriebe und ihre Umweltwirkungen getrennt voneinander zu betrachten. Es ging, wenn überhaupt, um die ökologische Situation am Arbeitsplatz und um die direkten Emissionen eines Standorts. Im Bild der Industrielandschaft von heute sind die qualmenden Schornsteine und die schwarzen Abwasserfahnen weitgehend verschwunden. Die ökologischen Auswirkungen betrieblicher Aktivitäten erfolgen jedoch weiterhin indirekt und oftmals weit entfernt von den verursachenden Betrieben.
Um diese Umweltwirkungen zu berücksichtigen, bezieht der moderne Umweltschutz nicht nur die direkten Emissionen und Abfälle in seine Betrachtungen mit ein, sondern auch Prozesse, die der eigentlichen Produktion vor- bzw. nachgelagert sind.
4.1. Instrumente zur Schwachstellenanalyse
Die untenstehende Tabelle
zeigt
einen Auszug von Instrumenten, anhand derer die betrieblichen Aktivitäten
auf ökologische (und ökonomische) Schwachstellen hin untersucht
werden können.
| BEZEICHNUNG | UNTERSUCHUNGS-
GEGENSTAND |
ZIEL |
| Input-Output-Bilanz | Gesamter Betrieb | - Schwachstellen erkennen
- Mengenrelevanz einzelner |
| Prozeßbilanz | Bestimmter Prozeß / Aktivität | - Schwachstellen erkennen |
| Materialflußbilanz | Einzelner Stoff | - Unkontrollierte Emissionen
erkennen
- Diffuse Stoffverluste entdecken |
| Abfallcontrolling | Abfallmengen und -entstehungsursachen
Entsorgungskosten |
- Abfallreduzierung und
-vermeidung
- Reduzierung von Entsorgungskosten |
Die Umweltwirkungen eines Stoffes, Materials, Produktes beschränken sich nicht auf die Nutzung oder nachgelagerte Entsorgung. Im Gegenteil trägt jedes ver- oder gebrauchte Produkt sozusagen einen ökologischen "Rucksack" von Ressourcenverbrauch und Emissionen mit sich herum:
Diese Sichtweise zeigt auf, daß die ökologischen Probleme von Produkten oder Materialien häufig in deren Vorkette (Rohstoffgewinnung und Verarbeitung) oder bei der Entsorgung liegen. Erst durch diesen Ansatz läßt sich im Betrieb festlegen, bei welchen Produkten vorrangig auf eine Substitution oder Einsparung hingearbeitet werden sollte. Stehen mehrere Produktalternativen zur Auswahl, so läßt sich über diese Methode die ökologisch bessere Variante bestimmen.
Folie: Entwicklung der Weltbevölkerung